Nach Istanbul bin ich zurückgekehrt. Nach 33 Jahren. 1990 stand ich zum ersten Mal hier. Junger Kerl. Analoge Kamera. Eine Stadt voller Staub, voller Hupen, voller Händler, die einem Teppiche verkaufen wollten, bevor man den Koffer abgestellt hatte.
September 2023. Zweiter Anlauf. Zwei Wochen. Von Nord nach Süd. Von Ost nach West. Von Europa nach Asien und zurück. Kostenpunkt der Kontinentalüberquerung: eine Fährkarte. Andere Städte haben Stadtteile. Istanbul hat Erdteile.
Die Stadt von 1990 existiert noch. Sie hat nur ein Software-Update bekommen. Moderner. Weltoffener. Selbstbewusster. Die Teppichhändler gibt es immer noch. Jetzt akzeptieren sie Apple Pay.
Sultanahmet: Kamera nach oben
Natürlich fängt man in Sultanahmet an. Die Blaue Moschee mit ihren sechs Minaretten. Seit über 400 Jahren derselbe Effekt. Die Kamera wandert nach oben. Der Mund geht auf. Ich stand auf dem Vorplatz zwischen Kinderwagen. Zwischen Simit-Verkäufern. Zwischen Menschen aus gefühlt achtzig Nationen. Sony im Anschlag. Und habe mich gefragt, ob mein Ich von 1990 mich erkennen würde. Vermutlich ja. Am Kameragriff.
Levent: Das andere Istanbul
Dann die Metro nach Levent. Basar und Bosporus bleiben hinten. Glastürme, die sich vor Frankfurt nicht verstecken müssen. Davor ein Lokma-Truck. Frittierte Teigkringel in Sirup. Darüber eine Samsung-Werbung in Hauswandgröße. Wolkenkratzer und Zuckersirup. Alles auf einem Bild.
Untergrund mit Stil
Die größte Veränderung seit 1990 fährt unterirdisch. 1990 gab es genau eine Linie, die Hafif Metro, ein Jahr vorher eröffnet. Heute sind es elf. Istanbuls Metro ist sauber. Getaktet. Klimatisiert. Und fotogen. Ich habe mehr Zeit in Stationen verbracht als geplant. Die knallgelbe Bahn, die in die Kurve zischt. Die Frau in der Waggontür, gerahmt von einer Waschmittelwerbung. Der leere Bahnsteig, in dem sich die Deckenlichter spiegeln.


Die Stadt als Leinwand
Istanbul ist tätowiert. Street Art in den Gassen von Beyoğlu, rund um die İstiklal. Kalligrafie an Betonmauern. Graffiti auf Bauzäunen. Mein Lieblingsfund, in Beyoğlu an der İstiklal: ein Mural mit Sonnenbrille und Afro. Dazu die Zeile „Got $ for wars, can't feed the poor“. Davor parkte eine hellblaue Vespa. Als hätte jemand das Bild absichtlich fertig komponiert. Ich habe nur noch abgedrückt.


Der schönste Moment wartete an einem Metroausgang. An der Wand steht ein Gedicht von Orhan Veli, „İstanbul'u Dinliyorum“. Links auf Englisch. Rechts auf Türkisch in blutrotem Duktus. „I'm listening to Istanbul with my eyes closed.“ Ich stand davor. Genau so. Nur dass ich die Augen aufmachen musste, um es zu fotografieren.
Haliç: Meine Brücke, mein Abend
Wenn mich jemand fragt, wo Istanbul am meisten Istanbul ist, sage ich inzwischen: an der Haliç-Metrobrücke, kurz vor Sonnenuntergang. Die Station liegt mitten auf der Brücke, über dem Wasser. Oben stand ich zwischen den gelben Masten. Entdeckte einen Verkehrsspiegel. Darin ich. Die Gleise. Der Wolkenhimmel. Selfie auf die komplizierte Art.
Unten am Ufer das eigentliche Schauspiel. Der Himmel dreht auf Orange. Die Süleymaniye-Moschee wird zur Scherenschnitt-Silhouette. Auf den Holzplanken im Karaköy Sahil Parkı sitzen sie alle nebeneinander. Kopftuch neben blonder Mähne. Tourist neben Teenager. Alle mit demselben Blick nach Westen. Niemand redet viel. Muss auch nicht.


Die Menschen
Und dann die Menschen. Der Mann in der Metro, der aufstand, um mir den Umstieg zu erklären. Komplett. Mit Handzeichnung. Die Teestube, in der der zweite Çay aufs Haus ging, „weil du so schaust, als bräuchtest du ihn“. Wildfremde, die mein Fotografieren mit einem Lächeln quittierten. Nie mit Misstrauen. Eine Stadt mit knapp 16 Millionen Einwohnern, die sich anfühlt wie ein Dorf mit sehr vielen Nachbarn.
Wer einmal auf zwei Kontinenten gefrühstückt hat, findet Städte mit nur einem plötzlich etwas unterdimensioniert. Görüşürüz, Istanbul. Diesmal keine 33 Jahre.
📍 Haliç-Metrostation auf Google MapsQuellen & Recherche
Diese Story basiert nicht nur auf eigenen Erinnerungen. Ein paar Fakten habe ich recherchiert und mit folgenden Quellen abgeglichen. Wer will, kann selbst nachlesen.