Hongkong·Februar 2019·22.2872° N, 114.1592° O

Hongkong: Ein Duft von Abenteuer und Feuerwerk

Vier Besuche, null Gewöhnungseffekt. Diesmal mit Drachen und Trommeln zum Neujahrsfest.

Das vierte Mal Hongkong, das erste Mal zum Frühlingsfest. Ich stehe vor den Chungking Mansions an der Nathan Road in Tsim Sha Tsui und warte auf die Parade. Drachen, Löwen, Trommeln, dazu der Geruch von gebratenem Entenfleisch. Die Nathan Road ist dicht gefüllt. Ich habe meinen Platz am Rand und gebe ihn nicht mehr her.

Chungking Mansions

Die Chungking Mansions stehen seit 1961 an der Nathan Road. Fünf Blöcke. Innen verbunden. Außen grau und abgewetzt. Erbaut hat sie Jaime Tiampo, ein chinesisch-philippinischer Geschäftsmann. Er verkaufte die Wohnungen einzeln, noch bevor der Bau fertig war, und finanzierte damit den Rest der Baustelle.

Was als modernes Mischgebäude begann, wurde schnell etwas anderes. Billige Gästehäuser zogen ein. Wechselstuben. Restaurants. Kleine Läden. Ende der 1960er-Jahre schliefen hier amerikanische Soldaten auf Fronturlaub aus Vietnam, danach kamen die Rucksacktouristen. Später die Händler aus Südasien und Afrika. 2007 zählte ein Anthropologe Menschen aus mindestens 120 Nationen, die in einem einzigen Jahr durch das Haus kamen.

Ich habe hier selbst zwei Wochen übernachtet, in einem Zimmer, gefühlt so groß wie eine Streichholzschachtel. Das Haus hat sich kaum verändert. Es riecht nach Essen. Nach Feuchtigkeit.

Die Eckhäuser

Vom Peak aus sieht Hongkong aus wie ein Prospekt. In den Nebenstraßen sieht es anders aus. In Mong Kok trocknet Fisch auf dem Bürgersteig. Alte Männer spielen Mahjong. Klimaanlagen hängen seit Jahrzehnten am selben Fensterbrett. Aus jedem zweiten Fenster eine Wäscheleine. Bewohnt bis unters Dach.

Verwitterter Wohnblock in Hongkong mit Wäscheleinen an fast jedem Fenster
Bewohnt bis unters Dach — das alte Hongkong lebt noch
Chinesisch-westliche Apotheke mit großer Leuchtreklame und Werbung für Abalone, Vogelnester und Fischmagen
Abalone, Vogelnest, Fischmagen — Leuchtreklame seit Jahrzehnten dasselbe Versprechen

In der Foo Ming Street in Causeway Bay steht eines dieser Häuser, die einen anhalten lassen. Ein Eckhaus, gebogen wie ein Schiffsbug, die runden Balkone folgen exakt der Straßenkurve. Solche Corner Houses stammen aus den 1950er- und 60er-Jahren, als Hongkong nach dem Krieg im Rekordtempo wachsen musste. Die Regierung wollte mehr Luft in die engen Wohnungen bringen und rechnete Balkone deshalb nicht auf die Grundstücksabgabe an. An Straßenecken zog man die Balkone einfach um die Kurve. Die runde Ecke war nie geplant, sie ergab sich aus den Balkonen. 1966 war damit Schluss, weil viele Eigentümer die Balkone zu vermietbaren Zimmern zugemauert hatten.

Geschwungenes Eckhaus mit runden Balkonen in der Foo Ming Street, Causeway Bay, Hongkong
Foo Ming Street, Causeway Bay — ein Corner House, gebogen wie ein Schiffsbug

Solche Häuser standen früher überall. In Wan Chai. In Sham Shui Po. In Mong Kok. Viele sind abgerissen. Die übrigen sind in Privatbesitz, und dann schützt sie in Hongkong praktisch nichts. Also habe ich fotografiert. Nächstes Mal könnte hier schon ein neuer Hochhausturm stehen.

Sham Shui Po und Mong Kok

Kowloon zeigt Hongkongs anderes Gesicht. Weniger Hochglanz als Hongkong Island, dafür dichter und rauer. Die Häuser stehen so eng, dass der Himmel nur noch als Streifen übrigbleibt. Alte Tong Lau, chinesische Mietshäuser mit schmalen Fronten und auskragenden Balkonen, drängen sich aneinander. Die einen frisch gestrichen, die meisten gezeichnet von Jahrzehnten.

In den Seitenstraßen von Sham Shui Po überdauern alte Ladenfronten. Metallgitter mit handgemalten Schriftzügen. Kleine Werkstätten im Erdgeschoss. Darüber wird gewohnt. Alles gebaut, um möglichst viele Menschen auf wenig Grund unterzubringen. Nachmittags fällt schräges Licht in die Gassen und zeichnet die Balkone nach.

Rotes Hongkong-Taxi vor einer verwitterten Kompositfassade mit Klimaanlagen und chinesischen Schriftzeichen
Ein rotes Taxi, tausend Fenster — Hongkong in einem Bild

Tipp: Zu Fuß durch Sham Shui Po und die Nebenstraßen von Mong Kok. Die interessantesten Fassaden stehen selten an den Hauptstraßen.

Admiralty am Sonntag

Sonntags verändert sich Hongkong Island. Rund um Admiralty und Central sitzen tausende Filipinas und Filipinos auf ausgebreiteten Kartons. Es ist Picknickzeit. Es wird gesungen. Karten gespielt. Und die neuesten Instagram-Posts ausgetauscht. Für viele ist es der einzige freie Tag der Woche. In Central wird dafür sonntags die Chater Road für Autos gesperrt.

Ich bin durchspaziert und habe gefragt, ob ich ein Foto machen darf. Zurück kam die Frage, woher ich komme. Dann erzählten sie, was sie in Hongkong arbeiten, und dass es ihnen hier sehr gefällt.

Früh am Morgen gehört Central anderen. Leute, die in Zeitlupe die Arme heben. Was dahintersteckt, steht in Tai Chi in Hongkong.

Menschen sitzen auf Kartons und Gepäck an einer abgesperrten Straße in Admiralty, Hongkong, an einem Sonntag
Admiralty, Sonntagvormittag — der einzige freie Tag der Woche

Zehntausend Buddhas

Im Kloster von Sha Tin stehen an die 12.800 vergoldete Buddha-Figuren, jede mit einem anderen Gesicht. Der Preis dafür ist hoch. 431 Stufen, bei gefühlten 30 Grad und subtropischer Luftfeuchtigkeit. Bei Stufe 30 war ich fertig, bei Stufe 431 eine Pfütze mit Kamera. Die Buddhas blieben unbeeindruckt.

Oben saß ein Affe neben zwei goldenen Mönchsstatuen, als gehöre er dazu. Wildes Tier oder zwölftausendundeinste Figur, schwer zu sagen bei dem Blattwerk im Hintergrund.

Zwei goldene Arhat-Statuen im Kloster der Zehntausend Buddhas in Sha Tin, dazwischen sitzt ein wilder Affe
Zwölftausendundeinste Figur oder wildes Tier — der Affe von Sha Tin

Essen unterwegs

In den Aquarien der Seafood-Restaurants in Kowloon schwimmen Krebse und Fische, bis jemand auf sie zeigt. Dann kommt der Kescher.

Aquarien mit Krebsen, Fischen und Muscheln in einem Hongkonger Seafood-Restaurant, rote chinesische Schriftzeichen an der Wand
Auswahl per Kescher — Frische, die man vorher schwimmen sieht

Dazu Dim Sum, eine Spezialität der kantonesischen Küche. Eine Nudelsuppe im Stehen. Eine heiße Eierwaffel auf die Hand, während man auf die Fähre wartet. Gegessen wird im Gehen.

Stanley

An der Uferpromenade von Stanley steht ein gelbes Haus, das man nicht übersehen kann. Das Boathouse, zwei Wohnhäuser aus der Zeit um den Zweiten Weltkrieg, heute ein Restaurant. In Stanley war ich baden. Das Wasser ist für Hongkonger Verhältnisse kühl, für einen Mitteleuropäer herrlich. Eine Stunde lang die dichte Stadt vergessen.

Das leuchtend gelbe Boathouse in Stanley mit blauen Markisen
Das gelbe Haus in Stanley — unübersehbar
Typhoon Shelter mit bunten Booten vor der Hochhauskulisse von Wan Chai und Causeway Bay
Typhoon Shelter — Boote vor der Hochhauskulisse

Vor Kowloon fahren Dschunken mit farbigen Segeln durch den Hafen.

Traditionelle chinesische Dschunke mit blau bedruckten Segeln vor der Skyline von Tsim Sha Tsui unter dramatischem Wolkenhimmel
Eine Dschunke vor Kowloon — als hätte ein Aquarell sich verselbstständigt

Warum ich gerne wiederkomme

Jeder der vier Besuche war anders. Beim vierten stehe ich vor dem Haus, in dem ich einmal zwei Wochen in einer Streichholzschachtel geschlafen habe, und die Trommeln der Parade ziehen an mir vorbei.

Neujahrsparade 2019 vor den Chungking Mansions an der Nathan Road
Neujahrsparade vor den Chungking Mansions

Am Abend danach knallt es dann doch noch. Offiziell, genehmigt, über dem Victoria Harbour.

Bis bald. Kung Hei Fat Choi.

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Quellen & Recherche

Diese Story basiert nicht nur auf eigenen Erinnerungen. Ein paar Fakten habe ich recherchiert und mit folgenden Quellen abgeglichen. Wer will, kann selbst nachlesen.

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