Eine Stunde von Tokio entfernt liegt eine Stadt, die zwei Leben gleichzeitig führt. Kamakura war einmal Hauptstadt des Shogunats. Heute fährt halb Tokio hierher, sobald die Wellen stimmen. Ich bin mit dem Zug ab Yokohama hergefahren. Fast jedes Mal, wenn ich in Tokio war. Zum Surfen selbst hat es in Kamakura nie gereicht. Am Strand gesessen und auf das Meer geschaut, das schon.
Die Stadt, die ein Feldherr zur Hauptstadt machte
1185 gewann Minamoto no Yoritomo den Genpei-Krieg gegen den Taira-Clan. 1192 verlieh ihm der Kaiser den Titel Shogun. Der Kaiserhof blieb in Kyoto, Yoritomo regierte von hier. Damit begann das Kamakura-Shogunat, die erste Militärregierung Japans, die sich bis 1333 hielt. Samurai statt Hofadel. Genau an dieser Küste.
Yuigahama: Wo schon der Shogun ins Wasser ging
Der Strand von Yuigahama. Schon Minamoto no Yoritomo vollzog hier rituelle Waschungen im Meer, bei Maehama, wie der Strand damals hieß. Bevor er die Schreine von Hakone und Izu besuchte. Bis heute waschen sich Priester des Tsurugaoka-Hachimangū-Schreins jedes Jahr im September zum Reitaisai-Fest im selben Wasser.
Gesurft im heutigen Sinn hat hier niemand. Im 12. Jahrhundert gab es weder Neoprenanzug noch Longboard. Die Verbindung zwischen Kamakura, seinem Shogun und genau diesem Wasser ist über 800 Jahre alt. Deshalb die Überschrift. Mit Fragezeichen.
Die Küste zwischen Kamakura und Ōiso gilt als Wiege der modernen japanischen Surfkultur. In den 1960er-Jahren brachten US-Soldaten der nahen Stützpunkte ihre Bretter mit und zeigten den Jungs aus den Küstenorten, wie man darauf aufsteht. Es gibt Reef- und Beachbreaks, an normalen Tagen sanft, bei Taifun-Swell mit Druck. Von Shibuya ist man gut eine Stunde mit dem Zug unterwegs.


Der Buddha, der sein Dach verlor
Im Stadtteil Hase steht der Kamakura Daibutsu, ein Bronzebuddha, mit Sockel 13,35 Meter hoch und rund 121 Tonnen schwer. Mit dem Guss wurde 1252 begonnen. Ursprünglich saß er in einer Halle und war komplett vergoldet. Vom Gold sind nur noch Spuren am Kopf übrig. Von der Halle nichts mehr. Ein Taifun. Noch einer. 1498 ein Tsunami. Seit über 500 Jahren sitzt der Buddha draußen in der salzigen Seeluft. Er schaut gelassen.
Enoshima: Ein Berg der Göttin, mitten im Meer
Enoshima ist keine Insel im Sinne von weit weg. Man geht über eine Brücke. Oben der Enoshima-Schrein, eigentlich drei Schreine. Zusammen zählen sie zu den drei großen Benzaiten-Heiligtümern Japans. Benzaiten: Meer. Musik. Wohlstand. Der Sage nach stieg sie vom Himmel herab und bändigte einen fünfköpfigen Drachen. Der Drache verliebte sich in sie und hörte auf zu wüten.
Oben im Cocking-Garten die Überreste eines Gewächshauses aus der Meiji-Zeit. Einst eines der größten in Ostasien. Gebaut vom britischen Kaufmann Samuel Cocking. Das Große Kantō-Erdbeben von 1923 zerstörte es. Heute schaut man durch Glas auf die freigelegten Grundmauern. Gleich daneben der Sea Candle. Knapp 60 Meter hoch. Blick bis zur Miura-Halbinsel. An klaren Tagen bis zum Fuji.


Der Fuji zeigt sich nicht jedes Mal. Er blinzelt eher, taucht kurz zwischen Dunst und Wolken auf und verschwindet wieder. An diesem Tag hatte ich Glück.
Weiter weg von Fukushima, als ich dachte
Was mich überraschte: Fukushima liegt nicht so nah, wie ich lange glaubte. Ich hätte auf hundert Kilometer geschätzt. Tatsächlich sind es rund 270, Luftlinie bis zum Kraftwerk Fukushima-Daiichi. Von Tokio aus sind es etwa 225 Kilometer nach Nordnordost, und Kamakura liegt noch ein Stück weiter südwestlich. Verändert hat sich hier seit 2011 auffällig wenig. Kein Geigerzähler an der Strandbar. Keine Sorge im Wasser. Nur die Entfernung war in meinem Kopf falsch.
Straßen, Busse, sehr freundliche Menschen
Kamakura ist trotz der großen Geschichte eine kleine, entspannte Stadt geblieben. Alte Busse kurven durch schmale Straßen. Männer mit traditioneller Kopfbedeckung laufen neben Touristen mit Surfbrettern unterm Arm. Niemand findet das ungewöhnlich. Ich bin hier erstaunlich schnell mit Japanern ins Gespräch gekommen, öfter als anderswo. Vielleicht, weil hier weniger gehetzt wird. Vielleicht, weil eine Kamera in der Hand hier wie eine Einladung aussieht.


Zuschauen
Am Anfang dieser Geschichte sitze ich am Strand und schaue auf das Meer. Am Ende steht Laura drin, bis zu den Waden, und schaut einem Surfer zu, während unter seinen Füßen die Welle bricht. Sie war damit schon einen Schritt weiter als ich.
Quellen & Recherche
Diese Story basiert nicht nur auf eigenen Erinnerungen. Ein paar Fakten habe ich recherchiert und mit folgenden Quellen abgeglichen. Wer will, kann selbst nachlesen.
- Minamoto no Yoritomo, Wikipedia
- Kamakura-Periode, Wikipedia
- Yuigahama, Maehama und das Reitaisai-Fest, Nippon.com
- Shōnan, Wiege der modernen japanischen Surfkultur, Jakarta Post
- Kōtoku-in, offizielle Tempelseite
- Großer Buddha von Kamakura, Nippon.com
- Die drei bedeutendsten Benzaiten-Schreine Japans, Wikipedia
- Cocking-Garten, Gewächshausruine, offizielle Seite Enoshima Sea Candle
- Enoshima Sea Candle, Wikipedia
- Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi, Wikipedia (Koordinaten; Entfernung zu Kamakura eigene Luftlinienberechnung)
- Entfernung Tokio–Fukushima-Daiichi, Christian Science Monitor
- Großer Buddha: Baubeginn, Maße, Zerstörung der Halle, ANA Japan Travel Planner
- Goldspuren am Großen Buddha, Atlas Obscura
- Enoshima-Schrein und Benzaiten, Visit Kanagawa
- Surfgeschichte Shōnan (Version Yokosuka), Stars and Stripes
- Fahrzeiten Shōnan-Shinjuku-Linie, jprail.com