Eine Woche zuvor stand ich noch am Walchensee und sah dem Wasser beim Stillhalten zu. Jetzt stehe ich in Passau, und das Wasser hat es plötzlich eilig: drei Flüsse auf einmal, jeder mit eigenem Tempo, jeder mit eigener Farbe, und alle wollen exakt an derselben Stelle ankommen. Vom stillen Bayerischen Lakeland direkt an die Ortsspitze. Von Seen, die stehen bleiben, zu einem Strom, der sich nicht entscheiden kann, ob er Donau, Inn oder Ilz sein will. Bassd scho, sagt der Franke in mir. Genau deshalb bin ich hier.
Dreiflüssestadt: Wo Bayern in den Fels gemeißelt ist
Die Ortsspitze ist der Platz, für den Passau berühmt ist. Hier treffen sich drei Flüsse. Die Donau kommt träge und grünlich grau aus dem Westen. Der Inn schießt smaragdgrün und ungestüm aus den Alpen heran. Die Ilz, klein und fast schwarz, trägt offensichtlich den Waldboden des Bayerischen Waldes im Gepäck. Drei Charaktere, ein Zusammenfluss. Man sieht die Grenze zwischen den Wassern noch ein ganzes Stück flussabwärts, wie drei Kollegen, die nebeneinander laufen, aber keiner will als Erster reden.
Die Altstadt liegt auf der Landzunge dazwischen wie ein Schiffsbug, spitz zulaufend und von Wasser umgeben. Wenn irgendwo Bayern perfekt in die Natur gemeißelt ist, dann hier. Granit aus dem Bayerischen Wald, geschliffen von drei Flüssen, seit über tausend Jahren.
Wer diese Kulisse durchquert, stößt auf Schritt und Tritt auf Geschichte. An der Hauswand der Alten Residenz steht geschrieben: „Am Hofe des Bischofs Wolfger von Erla, zwischen 1191 und 1204, entstand nach einer verbreiteten Forschungsthese um 1200 das Nibelungenlied." 1203 wird ein gewisser Minnesänger namens Walther von der Vogelweide in den Bischofsurkunden erwähnt. Man steht da, liest ehrfürchtig die eingemeißelten Buchstaben und begreift, diese Stadt hat Literaturgeschichte geschrieben, lange bevor es den Begriff „Content" gab.


Tipp: Die Ortsspitze erreicht man am besten zu Fuß von der Altstadt aus. Am frühen Morgen oder späten Nachmittag sind die Farbgrenzen der drei Flüsse am klarsten zu erkennen. Ein paar Minuten einfach stehen bleiben und schauen lohnt sich mehr als jedes Selfie.
Dom St. Stephan: 17.974 Pfeifen und kein Register zu leise
Der Weg zum Dom führt durch die Zengergasse, eine dieser Passauer Schluchten zwischen Hausfassaden, in denen der Himmel nur noch als schmaler blauer Streifen vorkommt. Bis man um die Ecke biegt und der Dom einfach da ist. Weiß, gotisch barock verschmolzen, viel zu groß für die enge Gasse davor.
Innen der Kontrast, Deckenfresken wie aufgeschlagene Bilderbücher, Stuck von Giovanni Battista Carlone in riesigen Mengen und mittendrin die Bänke voller Touristen. Der eigentliche Star sitzt unsichtbar über einem, 17.974 Pfeifen, 233 Register, fünf Orgelwerke, verteilt über den ganzen Kirchenraum. Hauptorgel, zwei Orgeln auf den Westemporen, eine Chororgel und irgendwo im Dachboden eine „Fernorgel", die klingt, als würde sich der Kirchenraum selbst räuspern. Die Größte Domorgel der Welt seit 1928, aktuell mitten in einer Sanierung, die noch bis 2028 läuft.
Das hat mich nicht davon abgehalten, mittags pünktlich dazustehen und zu warten, ob sie loslegt. Sie tat es. Gänsehaut, obwohl ich vorher noch über die größte Orgelpfeife (elf Meter, 306 Kilo) gescherzt hatte.


Tipp: Die Mittagskonzerte finden in der Regel um 12 Uhr statt (außer an bestimmten Feiertagen und während der Sanierungszeiten). Am besten vorher auf der Seite des Bistums Passau nachschauen. Eintritt ist frei, Spenden willkommen. Zehn bis fünfzehn Minuten früher da sein, dann bekommt man noch einen guten Platz.
Veste Oberhaus: Wo die Fürstbischöfe ihre Stadt im Blick behielten
Von unten sieht man die Veste Oberhaus als graue Mauerkrone über der Stadt, mit rosa Fassaden davor, die aussehen, als hätte jemand die Altstadt in Puderzucker getunkt. Von oben versteht man, warum die Fürstbischöfe hier oben und nicht unten bei ihren Bürgern wohnten: freie Sicht auf alle drei Flüsse, freie Sicht auf jeden, der Ärger machen wollte. Historisch war das ziemlich oft der Fall. Eine der größten erhaltenen Festungsanlagen Europas, gebaut auch als Absicherung gegen das eigene, aufmüpfige Passauer Volk. Herrschaft mit Höhenvorteil.
Ich bin zum Sonnenuntergang hochgefahren, zusammen mit der Familie und einer Handvoll anderer. Alle wollten dasselbe sehen, die Stadt von oben, während das Licht golden wird und die Kuppeln des Doms anfangen zu glühen. Selfie natürlich Pflicht, so wie das Fernrohr am Aussichtspunkt.
Tipp: Am bequemsten kommt man mit dem Bus der Linie 1 oder 2 hoch (Haltestelle Veste Oberhaus). Zu Fuß dauert es je nach Kondition 20 bis 30 Minuten und ist steil. Für den Sonnenuntergang rechtzeitig da sein, die besten Plätze an der Aussichtsterrasse sind schnell belegt. Im Museum der Veste lohnt sich vor allem der Blick in die Fürstbischöfliche Geschichte, wenn man noch Zeit hat.
Gassen, Farben, Rathausturm
Wer durch die Passauer Altstadt läuft, merkt schnell, hier gibt es keine geraden Linien. Gassen, die sich winden, verjüngen, plötzlich unter einem Torbogen verschwinden und dann eine Häuserzeile in Rosa, Gelb oder Orange freigeben.
Die Carlonegasse ist so eng, dass zwei Menschen mit Einkaufstasche sich schon einigen müssen, wer zuerst geht. Dafür trägt sie den Namen des Mannes, der dem Dom seinen Stuck gab, für eine Gasse dieser Größe eine ziemlich große Ehre.


Am Ende fast jeder Gasse taucht irgendwann derselbe Turm auf: der Rathausturm, neugotisch, mit Uhr und Wappen, wie ein Fixstern in diesem Gassenlabyrinth. Ein Teil der Pflastersteine ist bunt bemalt, quer durch mehrere Gassen. Eine kleine Kunstspur. Man folgt ihr, ohne zu wissen, wohin sie führt. Genau mein Reisestil.
Tipp: Einfach loslaufen und sich treiben lassen. Die schönsten Ecken findet man oft abseits der Hauptwege. Die bunte Pflasterspur in der Höllgasse gibt allem einen künstlerischen Touch und ist ein nettes Detail für Fotos und für Kinder.
Hochwasser: Die Stadt trägt ihre Narben wie Jahresringe
An einer Häuserecke in der Altstadt hängen mehrere Tafeln übereinander, jede mit einer Jahreszahl und einer Zahl in Metern. Wasserhöhe 1845, Wasserhöhe 1854, Wasserhöhe 2013. Passau lebt mit seinen drei Flüssen, und die Flüsse erinnern die Stadt regelmäßig daran, wer hier eigentlich das Sagen hat.
Im Juni 2013 erreichte die Donau einen Pegel von 12,89 Metern, den fast höchsten je gemessenen Stand, nur ganz knapp unter der historischen Marke von 1501. Ganze Straßenzüge standen bis zum ersten Stock im Wasser, der Strom wurde abgestellt, die Altstadt zur Insel.
Die Markierungen erinnern an die enorme Kraft der Natur. Sie sind mitten im Alltag, an ganz normalen Hauswänden. Man begreift es erst, wenn man sich vorstellt, wie das Wasser bis dorthin gereicht haben muss.
Die Passauer haben daraus eine Art Gelassenheit gemacht, keine Katastrophenfolklore: Man baut wieder auf, streicht die Fassade neu und hängt die nächste Tafel dazu. Jahresringe eines Baums, nur dass der Baum eine ganze Stadt ist.
Tipp: Die Hochwassermarken findet man an mehreren Stellen in der Altstadt, sie erzählen die Geschichte der Stadt oft besser als jede Tafel im Museum.
Künstlerviertel Innstadt: Graffiti mit Haltung
In der sogenannten Innstadt, wird aus der ehrwürdigen Bischofsstadt kurz ein anderes Passau. Street Art Wände. Studentenkneipen. Sprüche, die zwischen Blödsinn und Tiefsinn pendeln, manchmal im selben Satz.
An einer Wand fand ich, dicht neben klassischem Wildstyle Schriftzug, eine kleine philosophische Wechselrede: „Was für eine Welt", daneben, in Antwort, offenbar von einer zweiten Hand: „Lohnt sich das? – Ja!" Passau in einem Satz: skeptisch, aber am Ende doch überzeugt.
Tipp: Die Innstadt erreicht man zu Fuß über die Innbrücke oder mit dem Bus. Hier lohnt sich ein Bummel abseits der Touristenpfade, vor allem am späten Nachmittag, wenn die Lichtstimmung an den Wänden besonders gut wird. Ein paar Cafés und Bars sind gemütlich und weniger überlaufen als in der Altstadt.
Marktplatz: Wo Passau sich selbst zuschaut
Zurück auf der Altstadtseite, am Rindermarkt, sitzt Passau bei Kaffee und schaut sich selbst beim Vorbeigehen zu. Stuckfassaden in Grau und Weiß, verspielt wie Zuckerguss, darunter Caféterrassen mit Sonnenschirmen, Postkartenständer, ein Herr mit imposantem weißem Bart und Gehstock, der aussieht, als könnte er selbst eine Nibelungensage erzählen. Dazwischen Rollstuhlfahrer, Touristen, Einheimische auf dem Weg zu irgendeinem Fest.
Passau ist an solchen Nachmittagen ein einziges, sehr entspanntes Defilee. Genau hier wird klar, warum die Stadt nicht nur Kirche und Fluss ist. Sie hat diesen leicht mediterranen Bummel Rhythmus, den man sonst eher am Gardasee vermutet als 300 Kilometer von jedem Meer entfernt. Vielleicht liegt's am Wasser. Drei Flüsse geben nun mal andere Manieren.
Tipp: Am Rindermarkt und in den umliegenden Gassen gibt es gute Möglichkeiten für Kaffee und Kuchen. Wer lokal essen will, sollte auf bayerische und niederbayerische Spezialitäten achten. Abends wird es hier angenehm ruhiger als tagsüber.
Fazit
Passau ist keine Stadt, die sich anstrengt, um zu beeindrucken. Das muss sie nicht. Die Flüsse erledigen das von allein, seit Jahrhunderten, mal sanft, mal, wie 2013, mit erschreckender Deutlichkeit. Dazwischen liegt eine Altstadt, die Barock und Bischöfe, Graffiti und Kirchenorgel, Hochwassermarken und Kaffeekultur unter einen Hut bringt, ohne dass sich das irgendwie widersprüchlich anfühlt.
Vielleicht, weil hier ohnehin schon alles zusammenfließt, was eigentlich zusammengehört: Wasser, Geschichte, Musik, Farbe. Man muss nur an der Ortsspitze stehen bleiben und zuschauen, wie die drei Farbtöne sich langsam vermischen.
Geh zur Ortsspitze und such die Farbgrenze der drei Flüsse, sie ist da, wenn man genau hinschaut. Und geh ins Mittagskonzert im Dom, auch wenn du kein Orgelfan bist. Man wird einer, nach fünf Minuten.
Angereist bin ich mit dem Plan „ein ruhiges verlängertes Wochenende". Abgereist bin ich mit einer Kamera voller Kirchtürme, Hochwassertafeln und Graffiti Weisheiten. Passau hält sich nicht an Wochenendpläne. Bassd scho.
Praktische Hinweise am Stück
- Ortsspitze: früh morgens oder spät nachmittags für die klarsten Farbgrenzen der Flüsse.
- Domorgel: Mittagskonzerte meist um 12 Uhr, vorher aktuelle Zeiten prüfen, Eintritt frei.
- Veste Oberhaus: Bus Linie 1 oder 2 oder 20–30 Minuten Fußweg (steil). Sonnenuntergang rechtzeitig anpeilen.
- Innstadt: über die Innbrücke erreichbar, lohnt sich für Street Art und ruhigere Cafés.
- Altstadt: einfach treiben lassen, die bunten Pflastersteine und engen Gassen sind das Beste.
- Hochwassermarken: an mehreren Hauswänden in der Altstadt zu finden, besonders nahe der Ortsspitze.
Quellen & Recherche
Diese Story basiert nicht nur auf eigenen Erinnerungen. Ein paar Fakten habe ich recherchiert und mit folgenden Quellen abgeglichen. Wer will, kann selbst nachlesen.
- Nibelungenlied, Wikipedia
- Wolfger von Erla, Wikipedia
- Walther von der Vogelweide, Wikipedia
- Die Orgel im Dom St. Stephan, Bistum Passau
- Orgeln des Domes St. Stephan, Wikipedia
- Veste Oberhaus, Tourismus Passau
- Bericht Junihochwasser 2013, Bayerisches Landesamt für Umwelt
- Hochwasser in Mitteleuropa 2013, Wikipedia
- Alte Residenz Passau, Wikipedia